Der Tod der Gemeinschaft und der Aufstieg des Individualismus

Ein Mensch, der mit einer neuen Umgebung konfrontiert wird, sucht sein Umfeld zunächst einmal nach Gefahren ab. Sein Fokus auf Details, seine Achtsamkeit gegenüber den um ihn herum auftretenden Phänomenen und sein Bewusstsein für deren Wirkung auf seine Person sind folglich gesteigert. Ist er jedoch in einer bestimmten Welt aufgewachsen, bleiben das Wesen und die Wirkung seiner Umgebung unerkannt, da sie – wie Wasser für einen Fisch – immer da gewesen ist. Dementsprechend herrscht bei uns oftmals kein Bewusstsein über die Essenz und den Einfluss der Umgebung, in der wir unser ganzes Leben verbracht haben. Wir denken selten über den Zustand unserer Gesellschaften nach und betrachten die gegenwärtigen Zustände als Normalität. Obwohl wir uns weitgehend im Klaren darüber sind, im „modernen“ und nicht im „mittelalterlichen“ oder „antiken“ Zeitalter, mit besserer Technologie und anderen sozialen Normen zu leben, entgehen uns gleichwohl größere, totalisierende und allgegenwärtige Aspekte unserer Welt.

Das Phänomen der sozialen Atomisierung

Eines dieser oftmals leider unreflektierten Phänomene ist die Zersetzung unseres sozialen Gefüges, nämlich die soziale Atomisierung oder die Zerlegung der Grundeinheit der Gesellschaft in kleinere Bestandteile. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit stellte die Gemeinschaft die Grundeinheit der Gesellschaft dar, was unter anderem an dem Mangel an Kommunikations- und Transporttechnologien lag, die es einer Person ermöglicht hätte, sicher und unabhängig von ihrer Gemeinschaft zu leben. Heute geben die kumulierten Einflüsse von Technologie, die Prinzipien der modernen Staatsbürgerschaft sowie die relativ offenen Grenzen den Menschen die Möglichkeit zu entscheiden, wo sie leben, mit welcher Nation sie sich verbünden und welche Länder sie zur Heimat erklären wollen. Gewöhnen sich Individuen einmal daran, häufig umzuziehen und die Verbindungen zu ihrer Geburtsgemeinde abzubrechen, geht die Identifikation mit der Gemeinschaft verloren. Den Menschen fehlen tiefe Verbindungen zu einer bestimmten Kultur; durch die Globalisierung wird das Individuum zu einem Schwamm, der die Normen und Überzeugungen des jeweiligen Ortes aufsaugt, an dem es sich gerade befindet. Daraus resultiert das Fehlen einer klaren und beständigen Identität, ohne die das Individuum keiner bestimmten Gemeinschaft wahrhaftig/vollständig angehören kann. Ohne Gemeinschaft hat es keine Kultur, die gemeinsame Bräuche und Auffassungen bieten könnte, um Gemeinsamkeiten und Vertrauen innerhalb der Bevölkerung herzustellen. Gemeinschaftliche Beziehungen lösen sich im Großen und Ganzen auf, und somit wird das Individuum zur Grundeinheit der Gesellschaft.

Die Auswertung von Statistiken, die die Variablen von Sozialkapital aufzeichnen, ergab, dass Gesellschaften in Euro-Amerika und in verwestlichten Ländern wie Japan und Südkorea zunehmend atomisiert sind [1][2]. Zu den Indikatoren für die Atomisierung an diesen Orten zählen ein verringertes Maß an Vertrauen, mit Nachbarn verbrachte Zeit und sozialer Teilhabe. Das soziale Vertrauen ist in den Vereinigten Staaten so tief wie seit 40 Jahren nicht mehr, und fast ein Drittel der Amerikaner gibt an, keinerlei Interaktionen mit ihren Nachbarn zu haben. In den meisten europäischen Ländern vertrauen die Menschen der Polizei mehr als einander. In Japan gibt es ein nachgewiesenes Phänomen, bekannt als hikikomori oder Abkapselung, bei dem junge Menschen nicht imstande sind, ihre Wohnungen zu verlassen. Allgemeines Misstrauen gegenüber der Regierung ist in den liberalen Demokratien des Westens trotz Forderungen nach deren Transparenz und Rechenschaftspflicht weit verbreitet.

In den USA zum Beispiel werden die beiden großen politischen Parteien (zu Recht) als selbstversonnen, den Interessen der Elite verpflichtet sowie von ihrer Wählerbasis entfremdet wahrgenommen, wobei das öffentliche Vertrauen heute einen nahezu historischen Tiefstand erreicht. Das Vernünftige wird unvernünftig, wenn Misstrauen in der Weigerung gipfelt, mit anderen zusammenzuarbeiten, und der Glaube an Verschwörungstheorien, der zum Rückgang der politischen Teilhabe führt, immer stärkere Verbreitung findet. In der gesamten Anglosphäre und in den verwestlichten Ländern wird die Verbreitung der sozialen Atomisierung sowie ihre belastenden Auswirkungen immer extremer. Dass diesen Ländern die westliche Kultur gemein ist, ist kein Zufall, da ihnen allen dieselben ideologischen und materiellen Faktoren zu eigen sind, die diese soziale Atomisierung hervorbringen.

Die ideologischen Ursachen: Liberalismus und Individualismus

Die zugrunde liegende Ursache dieser Atomisierung und der allgemeinen Ideologie, die diese Entwicklung in der westlichen Welt fördert, ist der Liberalismus – eine klassische Philosophie, die individuelle Autonomie und Gleichheit zwischen Individuen als die beiden ultimativen moralischen Werte postuliert. Als aufklärerische Philosophie dominierte und prägte sie schließlich den Westen in der Frühen Neuzeit und nahm damit eine feste Position als moralische Standardsprache und ethisches Handbuch der Abendländer ein. Die Analyseeinheit des Liberalismus ist das Individuum, das sich weder um die Gemeinschaft noch um sonst irgendein Kollektiv kümmert. Dementsprechend werden wirtschaftliche, politische, moralische und rechtliche Probleme in Hinblick auf das Individuum gelöst, sodass es kaum verwundert, dass es die liberalen Weltgegenden waren, nämlich die USA und Europa, in denen der extreme Individualismus zuerst in Erscheinung trat.

Individualismus bezieht sich auf eine (eng mit dem Liberalismus verbundene) Ideologie freier und unabhängiger Entscheidungen von Individuen, denen gegenüber den Entscheidungen und Interessen des Kollektivs Vorrang eingeräumt wird. Er bestätigt einen Seinszustand, in dem Menschen ihre Gedanken und ihr Verhalten gewohnheitsmäßig auf ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche ausrichten, wobei das Ego im Mittelpunkt aller Bestrebungen steht. Aus einer individualistischen Ideologie geht naturgemäß individualistisches Verhalten hervor. Wenn Menschen zu dem Glauben erzogen werden, dass ihre Entscheidungen sakrosankt sind, solange sie niemandem „schaden“, geht langsam, aber sicher jedes Pflicht- oder Dienstgefühl gegenüber anderen verloren. Sind körperliches Leid und Eigeninteressen die Entscheidungsträger für die Richtigkeit einer Handlung, löst sich die Sorge um kollektive Ziele, die oft Selbstaufopferung erfordern und manchmal Personen außerhalb der Gemeinschaft schaden können, rapide auf. Liberalismus erzeugt Individualismus, aus welchem eine Gesellschaft atomisierter Individuen ohne vorhandene Gemeinschaft hervorgeht.

Wenn Kommunitarismus auf Individualismus trifft

Die jüngste Massenmigration nordafrikanischer und nahöstlicher Bevölkerungsgruppen nach Europa, welche vorrangig muslimisch sind, bestätigt die Abgrenzung zwischen individualistischen und gemeinschaftlichen Gesellschaften. Zugewanderte neigen dazu, sich selbst abzusondern, indem sie die Merkmale ihrer Kultur in Sprache und Kleidung beibehalten und die europäischen Einheimischen in Bezug auf Geburtenraten und Religiosität übertreffen. Man mag sich fragen, ob dieser Kontrast zwischen dem muslimischen Zuwanderer und dem in Europa Ansässigen auf die unterschiedlichen Religionen zurückzuführen ist; vielleicht ist der Islam einfach mehr auf Gemeinschaft ausgerichtet als das Christentum. Diese Erklärung ergibt jedoch wenig Sinn angesichts des traditionell gemeinschaftlichen Wesens des europäischen Christentums, das Gemeinden nach dem Pfarrsystem und die Nation unter einer nationalen Kirche mit einem Oberhaupt, typischerweise dem Monarchen, organisierte. Natürlich scheinen jene christlichen.

Institutionen heute in Anbetracht der rapiden Zunahme von Irreligiosität in Europa ihre Relevanz verloren zu haben. Genau genommen ist es eben jene Kluft zwischen der Irreligiosität Europas und der Religiosität der MENA-Region (Nahost und Nordafrika), anhand derer sich das Vorherrschen von Individualismus und Kommunitarismus in diesen jeweiligen Regionen erklären lässt.

Europa ist der Geburtsort des Liberalismus, einer Ideologie, der es zu eigen ist, den Einzelnen zu seiner Befreiung von alten Traditionen, der Religion und gegebenenfalls der Gesellschaft anzuregen. Der Liberalismus sicherte sich im 20. Jahrhundert seinen Platz auf dem europäischen Kontinent, als er die modernen kollektivistischen Alternativen (hauptsächlich Faschismus und Kommunismus) bezwang. Eines der vielen Opfer dieser ideologischen Hegemonie war das Christentum. Obwohl es nach wie vor auf dem Kontinent existiert und Millionen von Anhängern vorweisen kann, scheint die Unterwerfung des Christentums unter den Liberalismus vollendet zu sein, was erkenntlich wurde, als zum Beispiel das stark katholisch geprägte Irland mit überwältigender Mehrheit für die Legalisierung von Abtreibungen stimmte, oder als das nominell säkulare Deutschland mithilfe des Christentums staatliche Interessen durchsetzte, obwohl es im Normalfall keine Berücksichtigung findet.

Im Gegensatz dazu ist die MENA-Region nicht vollständig dem Liberalismus erlegen. Trotz vergangener Bemühungen wie der säkularen, panarabischen Bewegung des ägyptischen Führers Gamal Abdel Nasser, der französischen Kolonialisierung Algeriens und aktueller Bemühungen wie dem Projekt des „gemäßigten“ Islam der VAE bleibt der Islam eine starke ideologische Kraft. Auch wenn er nicht aktiv an vorderster Front steht, ist seine latente Präsenz stark genug, um den Menschen der Region eine zivilisatorische Vision neben der des westlichen Liberalismus und darüber hinaus zu bieten. Trotz des unvermeidlichen Kontakts mit dem Westen haben der Liberalismus und seine atomisierenden Wirkungen der muslimischen Welt nicht so sehr zugesetzt wie Europa, und so sind gemeinschaftliche Tendenzen zwar geschwächt, aber bleiben weitgehend intakt. Dort, wo der Liberalismus triumphiert, gehen gemeinschaftliche Existenzformen jedoch ein. Und aus diesem Grund ist es bemerkenswert, wie erfolgreich muslimische Zuwanderer in Europa solche Gemeinschaften in den individualistischsten aller Gesellschaften ins Leben rufen. Daher rührt womöglich auch der Konflikt, den sie auslösen. Wäre ihr Islam ein deutlich liberaler gewesen, oder hätte die europäische Gesellschaft ein starkes Gemeinschaftsgefühl und Möglichkeiten entwickelt, verschiedene Gemeinschaften nebeneinander existieren zu lassen, ohne sie alle unter den Säkularismus zu subsumieren, wäre die Integration in Europa einfacher. Aber der Liberalismus ist, wie alle modernen Ideologien, totalisierend.

Die Dienstmägde des Liberalismus: Der Markt und der Staat

Soziale Atomisierung ist stark durch die Vorherrschaft des Liberalismus bedingt. Die beiden Geschöpfe des Liberalismus, der Staat und der Markt, werden zwar von politischen Rivalen getrennt befürwortet, arbeiten aber beide daran, die soziale Atomisierung zu verschärfen. Konservative plädieren für den Kapitalismus der freien Marktwirtschaft, der sich von allen Wirtschaftssystemen am besten für den Liberalismus eignet, während Progressive für Regulierung und direkte Beteiligung des Staates eintreten. So wie der Liberalismus individuelle Autonomie und Freiheit schätzt, schätzt der Kapitalismus die individuelle Kaufkraft. Das System des freien Marktes propagiert die ideale liberale Wirtschaft: Jeder kann um Reichtum und Erfolg konkurrieren, und dieser Wettbewerb fördert die Gleichheit. Ähnlich wie beim Liberalismus hat der Kapitalismus den Zusammenbruch kommunaler und sozialer Strukturen zur Folge. Der Kapitalismus profitiert von der gesellschaftlichen Atomisierung, denn je mehr einzelne Akteure, desto mehr Konsumenten und somit Gewinnmöglichkeiten. Daher besteht ein begründetes Interesse daran, die Familieneinheit in einzelne Verbraucher aufzuspalten. Wenn es beispielsweise nur ein Telefon pro Haushalt gibt, bleibt der Rest der Familie als potenzielle Verbraucherbasis noch ungenutzt. Das Festnetz im Haushalt, einst ein fester Bestandteil der Familieneinheit, fiel dem Aufkommen der privaten Mobiltelefone zum Opfer.

Indem jeder weiter isoliert und abgespalten wird, entwickelt sich das übergeordnete Wirtschaftssystem weiter und sucht nach neuen Wegen, individuellere Akteure zu schaffen. Die wirtschaftliche Spaltung der Menschen bringt sie in eine unsichere Finanzlage. Familien erstellen und führen Budgets nicht mehr als Gruppe, da jeder durch das System gezwungen ist, für sich selbst zu sorgen. Familienbasierte Investitions- und Kreditsysteme wie das in afrikanischen Gemeinden zu findende Osusu oder das lateinamerikanische Gegenstück Tanda, die traditionell zur Abfederung der Armutskrise eingesetzt wurden, werden hinfällig. Infolgedessen verschlimmert sich die Armutserfahrung aufgrund fehlender finanzieller und sonstiger Unterstützungssysteme, die der Kommunitarismus normalerweise bietet. Aus diesem Grund weisen westliche und verwestlichte Nationen fast einheitlich eine hohe Vermögensungleichheit auf. Die USA, Schweden, Großbritannien, Deutschland und Österreich gehören zu den sechs Nationen mit der größten Vermögensungleichheit. Da sich die Eigenständigkeit als zu schwierig erweist, sind die Menschen gezwungen, Hilfe zu suchen, was den Progressiven die Möglichkeit bietet, staatliche Absicherung und finanzielle Unterstützung zu fördern. Dadurch sind Individuen für ihre unerfüllten Bedürfnisse auf den Staat angewiesen, wodurch Familien und Gemeinschaften an Bedeutung verlieren und die soziale Atomisierung beschleunigt wird. Durch das Wirtschaftsleben wird die Fassade der Parteilichkeit in den westlichen Ländern offenbart, da sowohl Konservative als auch Progressive im Wesentlichen Liberale sind, deren Politik den Kommunitarismus weiter bedroht.

Zukunftsperspektive: Eine kommunitäre Renaissance?

Nachdem wir die schädlichen Auswirkungen der vom Liberalismus angetriebenen sozialen Atomisierung betrachtet und erfasst haben, ist es unsere Pflicht, uns nicht nur in dieser Angelegenheit weiterzubilden, sondern den Prozess zur Erforschung jener Frage einzuleiten, wie die soziale Atomisierung abgefedert werden kann. Da die gesellschaftliche Atomisierung auf den Liberalismus, Individualismus und Kapitalismus zurückzuführen ist, ist es notwendig, alternative Ideologien und wirtschaftspolitische Systeme zur Bestimmung der Möglichkeiten und Mittel ihrer Umsetzung zu finden. Dies ist eine dringende Angelegenheit für alle, die in der modernen Welt leben, Muslime und Nicht-Muslime gleichermaßen, da wir alle der sozialen Atomisierung nicht entkommen können. Zu hinterfragen, wie unsere soziale Welt beschaffen ist, wird nicht einfach sein, und Lösungsansätze werden mit Sicherheit angefochten werden. Mithilfe einer gemeinsamen Diagnose zu den Übeln der Moderne können wir damit beginnen, effektive und koordinierte Anstrengungen zu unternehmen, um uns ihnen zu stellen.

Quellenangabe:

  1. http://cityobservatory.org/wp-content/files/CityObservatory_Less_In_Common.pdf
  2. https://ourworldindata.org/trust

About the Author: Sami Omais is a graduate in political science and European history. His interests include traditional Islamic sciences, geopolitics, Middle Eastern history, and Islam in America.

About the Translator: Jasmin Weinert is a German convert to Islam and a graduate in Middle Eastern studies and social anthropology based in Cairo, Egypt where she now works as an English to German translator. She continues to study Arabic and Islam with a focus on tasawwuf.

Disclaimer: Material published by Traversing Tradition is meant to foster scholarly inquiry and rich discussion. The views, opinions, beliefs, or strategies represented in published articles and subsequent comments do not necessarily represent the views of Traversing Tradition or any employee thereof.

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